Rezension in der SAX 9/25
Axel Helbig
„Poesie ist das Wetterleuchten der Sprache“
Zu Carla Schwiegks Lyrikdebüt „Zaunkönigs Zepter“
„Blättert von Reisern des Pfaffenhuts hauchdünner Grind, / tritt aus Zweigen der Eschen noch Blut und erstarrt - / wieder erheben sich Köpfe von Blumen im Grau, / denen der Tau auf den Blütenlippen gerinnt.“
Carla Schwiegk wohnt mitten im Tharandter Wald, weshalb Flora und Fauna sich in ihre Gedichte ganz selbstverständlich einschreiben. Ihr Denken, ihre Sprache sucht Anverwandlung. Das Denken als Rabe, das Denken als Baum ist für sie eine Normalität, für andere aber sehr ungewöhnlich.
Im Gedicht „Lehrstück“ tangieren sich Erfahrungsräume von Baum und Mensch: „Lehre mich Baum wie, man Eisen frisst, / Kerbholz ist und Hiebe verwächst / oder vom Stumpfe Neues treibt. / Lehre mich, wie man zu Berge steht, / jedwedes behaust und standhaft bleibt, / aber sich vor den Wettern neigt.“
Das Naturgedicht steht nicht gerade hoch im Kurs. Vielleicht weil man ein Abgleiten in Kitsch befürchtet? Die Verlage, die Lektoren sind da sehr vorsichtig. Carla Schwiegk hat sich jedoch nicht beirren lassen. Sie hat ihre Sicht auf die Natur in immer neuen Bildern poetisiert.
Da sie gelernte Buchbinderin ist, lag es ohnehin nahe, die Gedichte in selbst gebundenen Büchern zur Welt zu bringen. Und dass ihre sehr schön gestalteten Gedichtbände Interesse finden, zeigte sich nicht zuletzt am eigenen Buchstand auf der Leipziger Buchmesse. Zeitschriftenredaktionen zeigten sich offener, ohnehin ein Versuchsfeld für Lyrik. So hatte Carla Schwiegk in den vergangenen zehn Jahren zwar viele Publikationen in Anthologien und Zeitschriften (u. a. poetenladen, OSTRAGEHEGE) vorzuweisen, die Verlagsfindung blieb aber problematisch. Deshalb ist dem Dresdner Thelem Universitätsverlag und insbesondere dem Lektor Viktor Hoffmann zu danken, dass diese Dichterin nun endlich dort Einzug hält, wo sie schon längst hingehört, in die großen Bibliotheken.
„Wie‘s Wasser klart da unten, sich auf die Zweige spannt, / ein zartes Schneeblatt, das die Sicht verhängt. Und ich - / ein blinder Strich, ein Zucken auf dem Pergament - / bin aus der Welt und eingeschlossen.“
Erste Notizen schreibt Carla Schwiegk auf Zettelchen, Briefumschläge, Quittungen, Heftchen, Kalender, überträgt sie dann am I-Pad, am Computer. Ihre Ideen entstehen kaum am Schreibtisch, eher in der Küche, beim Einkaufen, beim Bücherbinden, in der Natur, im Bett. „Manchmal jogge ich meine Hunderunde, um eine gute Zeile nicht zu vergessen. … Poesie ist das Wetterleuchten der Sprache - das ist ein Bild, dass wieder aus der Natur kommt und das mir wichtig ist. Ein Gedicht, das sich nicht von selbst meldet, will nicht geschrieben werden. Ein Gedicht, das nicht passiert, kommt nicht durch. Wie es kommt und was es ist, bestimmt es selbst.“
Parallel zu „Zaunkönigs Zepter“ ist im Eigenverlag „Rabenteures Federfell“ erschienen, mit Texten, die eine Anwandlung an einen im Umfeld des Hauses lebenden Raben zum Gegenstand haben. „Ich zog den kleinen Raben groß in mir, / der war ins Herz gefallen, war aus dem Horst gefallen / in mein von Wurzeln fest umschloss´nes Herz. // Ich wusste manches nicht von diesem Nest / in meiner Brust … // … Es rollte über mich ein tiefschwarzes Wellen, / ein warmes federseelenleichtes Vlies. // In seinen Spiegeln stand ein schöner Rand / von Wiesendunkel und Gewitterwolken. Ich wollte / was sagen, aber meine Stimme war: // ein Kolken!“ Diese poetische Annäherung schöpft zahlreiche Neologismen. „Wir wurden Zwiegestalt: ein Wipfeltroll. / Wir tauchten die Flügel in den Tag in aller Frühe, dass der sich lichtnass auf die Federn schrieb. // Wir waren regenlieb – ein Habenichts, / der Krabatz hieß - und trieben Schabernack; krakeelten, / hellwacher Poltergeist, auf manchem Dach.“
Beide Bände werden durch Grafiken von Matthias Jackisch ergänzt, die sich ganz auf die Texte von Carla Schwiegk einlassen und dennoch kongenial neben diesen stehen.
Der Leser kann sich in diesen Büchern auf andere Art kennen lernen.
Carla Schwiegk: „Zaunkönigs Zepter“, Gedichte, Thelem Universitätsverlag, Dresden 2025, 72 Seiten, 17,80 Euro, ISBN: 978-3-95908-721-6. „Rabenteures Federfell“, Texte, Grafiken, Fotos (mit einem Begleittext des Ornithologen Dr. Martin Päckert), 72 Seiten, 20 Euro